der Unfall

24.06.01

Meine Erinnerungen vom Unfallstag - Mittwoch, 16.Mai 2001:
Ich habe von Dienstag auf Mittwoch bei ihm geschlafen. In der Früh kam dann eine LKW Ladung Schotter. Es war ca. 7:00, als uns die Klingel aufgeweckt hat. Gerald hat sich nur schnell die Jogginghose (die ich ihm zu Weihnachten geschenkt habe) und ein Leiberl angezogen und ist hinuntergelaufen um die Ladung entgegen zu nehmen. Es war ein schöner, sonniger Morgen, die Vogerln haben gezwitschert, ich habe wiedereinmal an unser neues Schlafzimmer gedacht, denn das wäre ostseitig gelegen, und es ist für mich wunderschön, in der Früh in einem sonnigen Zimmer aufzuwachen. Sogar Gerald, der früher immer alles ziemlich verdunkelt hatte, hatte sich schon an offene Vorhänge und somit an ein helles Schlafzimmer gewöhnt. (ich glaube es gab wirklich nichts, was er nicht für mich getan hat)
Ich weiß noch, dass mir das Abladen unheimlich laut vorgekommen ist. Dann ist er wieder hinauf gekommen, hat sich die Jogginghose ausgezogen und ist wieder zu mir ins Bett gekommen. “Eine dreiviertel Stunde können wir noch schlafen” hab ich zu ihm gesagt. Er hat sich die Bettdecke bis über die Nase gezogen und mich so liebevoll angeschaut. Es war ein sehr tiefer Blick, ich hab mir wirklich in diesem Moment gedacht, daß diese Augen nie schöner ausgesehen haben. Ich hab ihn dann noch einen Kuß gegeben, und wir sind wieder eingeschlafen.

Um ca. 8:00 hat der Wecker geläutet. Wir sind aufgestanden, wie immer ging alles sehr schnell in der Früh. Hauptsache länger schalfen, wir haben glaub ich nur ganz wenige Male gemeinsam gefrühstückt, und dann auch nur, wenn wir mit seinen Eltern gefrühstückt haben.

Er hat mich hinuterbegleitet, er wollte ohnehin gleich mit dem Schaufeln anfangen. Wir haben uns noch ein Abschiedsbussi gegeben.... es tut soweh sich daran zu erinnern, daß es ja das aller letzte Bussi war!.... ich hab ihm dann noch meinen Tagesablauf geschildert, und gesagt, daß wir uns am Abend zusammen rufen.

Ich war am Vormittag arbeiten, am Nachmittag glaub ich war ich nur zu Hause, und am Abend bin ich mit meinen Eltern dann zur Eröffnung vom Twin Tower gefahren. Es gab ein gutes Buffett und ich war recht zufrieden. Gerald hat 2 mal versucht mich zu erreichen, aber ich wollte erst nach der Eröffung mit ihm reden, es war zu laut und..... heute tut es mir so leid, nicht gleich abgenommen zu haben.

Um ca. 19:30 bin ich dann zum Auto gegangen, es stand beim McDonalds Parkplatz auf der Triesterstraße. Ich habe ihn sofort angerufen. Er klang so aufgekratzt. Er uns Schippi haben den ganzen Schotter ins Haus reingebracht, und noch eine 2. Ladung bestellt, und die auch fast ganz eingeschaufelt. Er war so zufrieden und glücklich, weil er so viel weiter gebracht hatte. Wir haben lange telefoniert, diesmal war mir das Geld völlig egal. Er hat gesagt, daß er sehr müde sei, völlig k.o., daß er sicher bald schlafen gehen werde, und immer wieder wie super unten alles weitergeganen ist, und daß am Samstag endlich betoniert wird. Wir haben noch über Samstag geredet, einige Bussis durch Telefon geschickt, gescherzt und dann beschlossen, ich soll ihm am Abend nur eine SMS schicken, wenn er die noch hört, ruft er mich zurück, sonst würden wir uns erst morgen hören. Er saß gerade mit seiner Mama und Schippi zusammen im Garten, und haben mit G’spritzten auf den gelungenen Arbeitstag angestoßen.

Jetzt muß ich erstmal zu schreiben aufhören...... es geht einfach noch nicht!

24.07.01
mal sehen wie weit ich heute mit meinen Erinnerungen kommen:
Ich bin nach dem LETZTEN Telefonat mit Gerald ins Fitnessstudio gefahren, mit 3 Arbeitskollegen war ich dort zu einer Stunde verabredet. sie hat länger gedauert als erwartet, auch so eine eigenartige Sache an diesem Tag. Einige wollten noch weggehen, aber ich war dann froh, nach Hause fahren zu können. Als ich zum Auto ging hab ich mir noch überlegt ob ich ihn anrufen soll, aber ich dachte ich warte bis ich zu Hause bin. Es war ca. 21:30. Um 22:00 war ich zu Hause, ich habe ihn gleich angerufen.... aber keine Antwort. Ich hab mir gedacht er schläft schon und hört es nicht weil er ja auf leise geschalten hat (was er aber nie gemacht hätte, er hatte das Handy immer ganz aufgedreht!) Ich bin dann ins Bett gegangen, war sogar noch mit der Mama im Schimmbad, es war so angenehm)

... diese letzten glücklichen Minuten in meinem Leben, bis sich alles mit einem Anruf verändert hat. Ich kann immer noch nicht über die folgenden Stunden schreiben. Ich verdränge es so gut es geht, daher würde es mir zu weh tun, hier darüber zu schreiben!

26.06.01
Bis heute habe ich es nicht geschafft an den Unfallort zu fahren. Angeblich sind noch Aufzeichnungen auf der Straße, und das möchte ich mir nicht ansehen. Ein lieber Freund hat ein Kreuz für ihn angefertigt, und viele sind am Samstag nach dem Unfall hingefahren, haben Kerzen angezündet und das Kreuz aufgestellt.

29.06.01
Einige wollen wissen, wie alles passiert ist, wer schuld ist, warum das passieren mußte. Ich will das nicht wissen, es ändert sich für mich nichts, er wurde mir weggenommen, aber wie und warum werde ich hier auf der Erde nicht mehr klären können. Mir reicht es, daß er weiß, wie es passiert ist, und er wird es mir erzählen, wenn ich endlich bei ihm bin. Was aber kein Vorwurf gegen andere sein soll. Es muß jeder genau so damit fertig werden, wie er das will und wie es für ihn gut ist. Jeder verlebt seine Trauer, wie es für ihn richtig ist. Es gibt keine Regeln, oder richtig und falsch. So wie es jeder für sich tut ist es richtig!

11.07.01
Ich war an unserem Jahrestag, 3. 7.01 am Unfallort. Es war schlimm und erleichternd zu gleich. ich war einwenig geschockt, aber es war eben beruhigend, da ich es damit hinter mir hatte. Aber es ist kein Platz an den ich öfter fahren werde, denn ich habe keine Ruhe, die habe ich nur am Grab! Ich hoffe ich kann mich nächste Woche mehr um die Homepage kümmern! Mit jedem Tag werden meine Gefühle für ihn stärker. Aber jeder Tag der vergeht, bringt mich unserem Wiedersehen näher!

22.11.01
Vielleicht schaffe ich es heute, die Erinnerungen vom Unfall endlich mal aufzuschreiben. Bisher habe ich diese Momente immer verdrängt. Aber ich glaube es muß einfach mal raus:
Ich bin also vom Fitnesscenter heim gefahren. Ich bin um ca. 21:30 ins Auto gestiegen.... obwohl, wenn ich es mir so recht überlege, dann weiß ich es gar nicht mehr so genau. ich weiß jetzt im Moment nichteinmal irgendeine genaue Uhrzeit... naja, im Auto hab ich mir gedacht, dass ich ihn erst nachher anrufen. Beim Telefonat beim McDonalds Parkplatz hat er mir gesagt er würde zu Hause bleiben. Er war so aufgekratzt. Er sei völlig verdreckt von der Arbeit, und wollt nur mehr duschen und schlafen.
Ich fahre also nach Hause. Zu Hause erzähle ich erstmal meinen Eltern vom Aerobic, und dann gehe ich in mein Zimmer und ihn anzurufen. Keine Antwort. Ich weiß nicht warum, aber ich hab mir gar nicht viel dabei gedacht. War mir irgendwie sicher, dass er schon schläft. Überhaupt keine Sorgen hab ich mir gemacht. Völlig ruhig gehe ich ins Bett, und wollte mir noch die Unterlagen für meine morgige Präsentation druchlesen. Natürlich habe ich dann zuerst ferngesehen. Plötzlich geht das Telefon. Zuerst Mamas Handy. Sie hat es nicht gehört. Ich stehe also nochmal auf, um sie wiedermal zu sekkieren, weil sie es so selten hört. Es war eine Freundin von meiner Mama, die Mutter von der Birgit. Gleich darauf das Festnetz. Meine Mama geht hin, ich stehe neben ihr. Ich weiß nur dass sie völlig verschreckt zu mir gesagt hat: “ der Gerald ist tot”.  Ich schau sie an: “ der Onkel von der Birgit ist tot?” “nein, DEIN Gerald”, ich glaub ich war sauer auf sie:”so ein Scheiß, Du verstehst wieder alles falsch” Ich ruf gleich die Birgit an. Ganz ruhig, aber schon irgendwie in Trance frage ich sie “was ist passiert?” “Kathi, es ist etwas furchtbares passiert. Der Gerald hatte einen Autounfall, er ist tot” Ich hab den Höhrer gleich aufgelegt. Keine Ahnung mehr, woher ich dann die Details erfahren habe. Gerald wollte nur noch ganz kurz, auf ein einziges Getränk zum Murtinger fahren. Schippi ist vorgefahren, Gerald wollte sofort nachkommen. Schippi war gerade angekommen, kurz geplaudert.... da wird die Tür aufgerissen, “da oben ist was passiert, rufts die Rettung” Ich kann nicht sagen wer aller dort war, aber sie sind alle raufgelaufen, und mussten sich all das ansehen. 2 Autos sind zusammen gefahren, jetzt sind beide tot. Gerald war angeblich nicht mehr bei Bewußtsein. Seine Freunde haben noch um sein Leben gekämpft, aber es war zu spät. Keiner weiß so genau, warum es passiert ist. Ich wollte es auch nie so genau wissen. Es ist und bleibt unbegreiflich.
Nach dem Anruf waren dann Birgit, Christof und Christian (der auch beim Unfallort dabei war, und der glaub ich hatte die Birgit angerufen) noch bei mir. Ich bin bei uns in der Ecke beim Ofen gesessen, konnte nicht weinen, hab mit 2 Freunden von Gerald telefoniert, hab mir alles ruhig angehört. Ich weiß noch dass die zwei auch sehr ruhgi waren. Wir waren alle so sehr im Schock. Ich dachte immer nur an die anderen. Armer Schippi, der war doch genau dabei. Armer Christian, der ist den ganzen Weg zu mir gefahren, armer.... so als ob ich keine Gefühle hätte.
Mama hat ein paar Nächte bei mir geschlafen. Aufgewacht bin ich eigentlich nie, in der Früh war es dann so schmerzhaft, fast wie ein neuer Schock, jeden Morgen. Das erstemal hab ich am nächsten Tag in der Früh geweint. Das ist mir bis heute geblieben. Weinen fällt mir sehr schwer. Und dennoch merke ich die Tränen so oft in meinem Hals, ohne dass sie rauskommen

Ich schreibe und schreibe, so als ob ich es nicht erlebt hätte. Als ob meine Finger tippen würden, und ich bin mit dem Kopf und den Gefühlen woanders. Aber es macht mich unruhig. Unsicher, ich habe dann keine Kontrolle über mich. Nächstes Mal werde ich dann noch über das Begräbnis schreiben. Das Begräbnis das ungefähr ein halbes Jahrhundert zu früh statt fand. Ich liebe meinen Schatz!